Die Säuglingsbeschneidung ist im Judentum eines von 248 Geboten und 365 Verboten. Sie geht auf den Bund Gottes mit Abraham zurück, als dessen Zeichen er im Alter von 99 Jahren sich selbst sowie allen männlichen Personen in seinem Haus die Vorhaut beschneiden sollte.
Das Judentum ist seit jeher durch eine lebendige Kultur der Diskussion und des Hinterfragens gekennzeichnet. Und so ist auch die Beschneidung von Neugeborenen ("Brit Mila") innerhalb des Judentums schon immer Gegenstand von kontroversen Debatten gewesen. Dafür gibt es viele historische wie auch zeitgenössische Beispiele.
Schon der jüdische Universalgelehrte Maimonides (Rabbi Mosche ben Maimon) nannte in seinen Schriften die Beschneidung "eine sehr schwere Handlung" und einen "leiblichen Schaden". Kritische Perspektiven wurden von bekannten historischen Personen wie z.B. Abraham Geiger (1810 – 1874) oder Theodor Herzl (1860 – 1904) eingenommen. Und auch heutzutage gibt es eine ganze Reihe an Kritiker/
Laut der Jewish Encyclopedia ist auch ein "nicht beschnittener" jüdischer Junge per Geburt ein "vollwertiges" Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft. Insofern ist das Jüdisch-Sein nicht an die Beschneidung gebunden. Auch wird von jüdischer Seite manchmal die Position vertreten, dass die Säuglingsbeschneidung zwar ein Gebot im Judentum ist, es aber ebenso eine ganze Reihe weiterer Ge- und Verbote im Judentum gibt, denen heutzutage auch nicht mehr in der ursprünglichen Form gefolgt wird.
Als Beispiel, dass es auch innerhalb des Judentums Alternativen in Bezug auf die Säuglingsbeschneidung gibt, sei auf die jüdische Organisation Bruchim hingewiesen. Diese Organisation wirbt in den USA für eine alternative Zeremonie namens "Brit Shalom". Bei dieser Zeremonie findet (wie bei der Brit Mila) u.a. die Namensnennung durch einen Rabbiner statt, doch der Säugling wird nicht verletzt.
Die Behauptung, dass es jüdisches Leben nur mit Säuglingsbeschneidung geben kann, ist also keinesfalls die einzig legitime Perspektive auf das Thema. Spielraum für Interpretation gibt es also auch innerhalb des Judentums.
Wir weisen auf die Brit Schalom hin, um der öffentlichen Diskussion auch diese jüdische Perspektive aufzuzeigen. Für die Ziele von ARGUS-Kinderschutz ist dies allerdings weniger relevant, denn wir fordern kein Verbot, sondern nur die Einführung einer Beratungspflicht, wie dies bei unseren Zielen nachzulesen ist.
Lesen Sie auch mehr zu der Frage, ob eine Diskussion um die Tradition der Kinderbeschneidung in den Religionen eine Diskriminierung darstellt.