Manchmal wird behauptet, dass es schwierig sei, Vorhaut und Eichel zu reinigen, und eine Beschneidung daher "hygienischer" sei. Das ist unzutreffend. Die Reinigung von Eichel und Vorhaut ist bei einem erwachsenen Mann gerade mal so aufwändig wie beispielsweise die Reinigung von einem Ohr, und dauert üblicherweise ca. 10 Sekunden. Bei einem Kind hingegen sind Eichel und Vorhaut natürlicherweise miteinander verwachsen, so dass es dort gar keinen Bereich gibt, der verschmutzen könnte oder der gereinigt werden muss.
Auch die Annahme, dass Smegma ein Problem von unveränderten Männern sei, ist falsch: Smegma entsteht ebenso auf dem beschnittenen Penis, denn es wird auch von der Eichel produziert. Bei Frauen entsteht Smegma übrigens auch, nämlich auf den inneren Vulvalippen. Alle Genitalien müssen also gewaschen werden, ganz gleich ob sie unverändert oder beschnitten sind. Fehlannahmen über eine angeblich bessere Hygiene durch Beschneidung bestehen meistens bei Personen, die selber keine Penisvorhaut haben, und insofern auch über keine eigene Erfahrung damit verfügen.
Darüber hinaus handelt es sich bei dieser Behauptung auch eindeutig um Bodyshaming, also der gezielten Abwertung des natürlichen körperlichen Erscheinungsbildes einer Person mit der Absicht der Beleidigung oder Diskriminierung.
Fazit:
Beschneidung hat keine hygienischen Vorteile.
Wie in der offiziellen medizinischen Leitlinie nachzulesen ist, schützt Beschneidung nicht vor Syphilis, Gonorrhoe ("Tripper") oder HPV (Humane Papillomviren). Vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt aber das Kondom, und zum Schutz vor Papilloma-Viren, von denen einige Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und Peniskrebs verursachen können, gibt es die HPV-Impfung. Im Gegenteil: in einer dänischen Studie wurde sogar gefunden, dass beschnittene Männer eine höhere Rate an sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI, sexually transmitted infections) aufwiesen.
Fazit:
Beschneidung schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten.
Die Theorie, dass Beschneidung vor HIV schützen könnte, beruht auf zwei Studien, die vor 20 Jahren in Afrika durchgeführt wurden. Aber bis heute wurde kein wissenschaftlicher Beweis erbracht, dass diese Theorie stimmen würde. Aus diesem Grund empfiehlt auch keine einzige medizinische Fachgesellschaft in Europa die Beschneidung als angebliche Maßnahme zum Schutz vor HIV-Übertragung. Dass Beschneidung nicht vor HIV schützt, zeigt sich auch an den USA, wo fast die Hälfte aller Männer beschnitten ist, und trotzdem die höchste Infektionsrate mit HIV unter allen westlichen Industrienationen herrscht.
Trotzdem werden in Afrika Beschneidungen von der WHO mit der Behauptung beworben, dass sie das Risiko einer HIV-Infektion um 50 % senken könnten. Diese Angabe ist irreführend. Zutreffend ist, dass es in der Theorie eine Reduktion des absoluten Risikos von 1 % geben kann, aber dass sich in der Realität beschnittene Männer in Europa genauso häufig mit HIV infizieren wie Männer mit unverändertem Penis. Eine Operation an einem Kind kann damit also nicht begründet werden. Darüber hinaus sollte ein unmündiges Kind ja ohnehin kein Risiko für eine sexuelle Übertragung von HIV haben, und mündige Personen, die annehmen, ihr HIV-Risiko auf diese Weise senken zu können, bleibt es dann ja unbenommen, sich die Vorhaut als Erwachsene entfernen zu lassen.
Fazit:
Durch Beschneidung wird das reale Risiko einer HIV-Infektion nicht gesenkt.
Es wird manchmal behauptet, dass Beschneidung Jungen vor Harnwegsinfektionen schützt. Einen solchen Schutz benötigen sie aber gar nicht. Harnwegsinfektionen kommen bei gesunden Jungen selten vor, und wenn sie mal auftreten, werden sie ganz einfach mit Antibiotika behandelt. Eine seltene Ausnahme kann es nur bei angeborenen Anomalien der Harnwege (z.B. PUK, VUR) mit drohender Dialysepflicht geben. Ansonsten ist eine prophylaktische Operation, um einen banalen Infekt zu verhindern, medizinisch abwegig.
Fazit:
Eine Beschneidung als Schutz vor Harnwegsinfektionen ist bei einem gesunden Kind medizinisch abwegig.
Schutz vor Peniskrebs wird manchmal als Argument für eine prophylaktische Vorhautentfernung angeführt. Wenn man aber Jungen vor Peniskrebs schützen will, so sind dafür zwei ganz andere Faktoren relevant: 1. eine normale Genitalhygiene, und 2. die HPV-Impfung. Diese Impfung schützt nicht nur vor Peniskrebs, sondern darüber hinaus auch noch vor vielen weiteren HPV-assoziierten Erkrankungen. Eine Beschneidung an einem Kind kann also mit der Behauptung eines Schutzes vor Peniskrebs nicht gerechtfertigt werden.
Darüber hinaus ist Peniskrebs ohnehin eine sehr seltene Erkrankung, die Männer erst in einem Durchschnittsalter von ca. 70 Jahren betrifft. Männliche Personen haben also als Erwachsene noch mehrere Jahrzehnte Zeit, um sich zu überlegen, ob sie für die Reduktion dieses minimalen Risikos eine Beschneidung an sich selber vornehmen lassen wollen.
Als Vergleich sei daneben auch darauf hingewiesen, dass das Risiko für Peniskrebs ähnlich gering ist wie das Risiko für Brustkrebs beim Mann. In der selben Logik einer Prophylaxe könnte man dann also auch die Entfernung der männlichen Brustdrüsen an Jungen vorschlagen, was wohl verdeutlicht, wie abwegig so eine Maßnahme wäre.
Daher kann man insgesamt sagen, dass ein sinnvoller Schutz von Jungen vor Peniskrebs nicht in Beschneidung, sondern in einer normalen Genitalhygiene und der HPV-Impfung besteht.
Fazit:
Für Schutz vor Peniskrebs braucht man bei einem Kind keine Beschneidung, sondern eine normale Genitalhygiene und die HPV-Impfung.
Es wird manchmal behauptet, dass beschnittene Männer eine längere sexuelle Durchhaltefähigkeit haben könnten. In wissenschaftlichen Studien, die dies untersucht haben, wurde aber kein Unterschied gefunden.
Hingegen gibt es aber beschnittene Männer, die beklagen, dass ihr Penis im Laufe ihres Lebens durch die Beschneidung so weit abgestumpft sei, dass sie ohne übermäßig starke Stimulation überhaupt keinen Orgasmus mehr erreichen können. Lesen Sie mehr dazu bei den möglichen Nachteilen von Beschneidung.
Doch selbst wenn es einen Einfluss auf die sexuelle Durchhaltefähigkeit gäbe, würde das natürlich trotzdem keinen Eingriff an einem Kind rechtfertigen. Denn nur ein erwachsener Mann, der unter einem Problem mit seiner sexuellen Standhaftigkeit leidet, und glaubt, dies durch so einen Eingriff therapieren zu können, hätte das Recht, eine irreversible Operation an sich selbst zu veranlassen.
Fazit:
Ein Kind braucht keine Beschneidung, um damit angeblich ein sexuelles Problem zu therapieren, das es nicht hat.
Bei der Frage der Kinderbeschneidung ist das einzig relevante Kriterium, ob ein Kind davon so große medizinische Vorteile hätte, dass dies eine irreversible Entfernung eines gesunden Organteils ohne Einwilligung und die Risiken einer Operation rechtfertigen würde. Dies ist medizinisch besehen eindeutig nicht der Fall.