Viele Männer sehen keinen Nachteil für sich in ihrer Beschneidung als Kind, was erfreulich ist, denn dann haben sie keine negativen Folgen davongetragen. Leider trifft dies nicht auf alle Männer zu, die als Kind beschnitten wurden. Im folgenden finden Sie Informationen zu den möglichen psychologischen und sexuellen Folgen, die Beschneidung für Männer haben kann.
Die Beschneidung eines Kindes hat ein oftmals unterschätztes Risiko für ein lebenslanges Trauma.
Dabei muss es keinen Unterschied machen, ob der Eingriff unter medizinischen oder unter rituellen Umständen stattgefunden hat. Auch kann eine Traumatisierung unabhängig vom Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Eingriffs auftreten.
Viele Männer, die sich an den Eingriff erinnern können, haben beispielsweise das anwachsende Interesse der Erwachsenen am eigenen Genital in Erinnerung, manchmal auch beschämende Entblößungen vor Fremden oder gewaltsame Retraktionsversuche durch Eltern oder Ärzteschaft. Bei manchen folgt dann die verängstigende Ankündigung einer Operation, während es bei anderen keine Vorwarnung gibt, sondern am Tag des Eingriffs eine gewaltvolle Überwältigung durch mehrere Erwachsene erfolgt.
Einige Männer erinnern auch die qualvollen Injektionen der Lokalanästhesie, die tief in den Unterbauch am Penisansatz sowie zusätzlich unter die Penishaut gesetzt werden. Im kulturell-religiösen Umfeld wird teilweise sogar auch darauf verzichtet. Dann erfolgt der Eingriff, der von vielen als Akt besonderer Grausamkeit erlebt wird. Von vielen negativ Betroffenen wird dieser auch klar als Kindesmisshandlung oder Kindesmissbrauch benannt. Im Englischen wird dafür gelegentlich auch der Ausdruck "Blade Rape" verwendet (zu Deutsch: Vergewaltigung mit einer Klinge).
Oft bleibt auch der schmerzhafte Heilungsprozess in Erinnerung, gefolgt von einer monate- bis jahrelangen Überempfindlichkeit der bloßliegenden Eichel. Kinder meiden dann viele körperliche Aktivitäten, oder müssen dabei immer ihr Genital festhalten.
Weiterhin können Kinder nachhaltig entsetzt sein, wenn sie zum ersten Mal ihr eigenes Genital sehen, das nun chirurgisch verändert ist. Diese Vorgänge sind also nicht nur mit massiver Gewalt, Verletzung und Schmerzen verbunden, sondern auch mit Bloßstellung, Peinlichkeit und Beschämung über den eigenen Körper.
All diese für Kinder potentiell stark traumatisierenden Ereignisse können nur notdürftig durch die zwischenzeitliche Zuwendung der Erwachsenen oder deren Geldgeschenke überdeckt werden.
Eine Traumatisierung kann leider auch dann stattfinden, wenn der Eingriff an einem Kind im vorsprachlichen Alter stattfindet, also bei einem Kleinkind oder Säugling. Die weit verbreitete Annahme, dass ein Eingriff im frühen Alter kein Trauma auslösen kann, ist daher leider unzutreffend. Der Unterschied besteht dann nur darin, dass die Folgen der Traumatisierung zwar vorhanden sind, die Person das Trauma aber nicht in Worte fassen und beschreiben kann, was eine Psychotherapie umso schwieriger machen kann.
Auch Eltern können durch die Beschneidung ihres Kindes traumatisiert werden. Denn Eltern verstehen oftmals erst während oder nach dem Eingriff, welches Ausmaß an Gewalt ihrem Kind angetan wird.
Es kann eine niederschmetternde Einsicht für Eltern sein, wenn ihnen klar wird, dass die Gewalt an ihrem Kind und deren Folgen auf ihre eigene Veranlassung hin geschehen ist, oder dass sie zumindest ihr schweigendes Einverständnis dazu gegeben haben. Letzteres gilt besonders für Elternteile, die sich vom anderen Elternteil haben drängen lassen, und diese Zustimmung dann nach der Operation bereuen.
Wir von ARGUS-Kinderschutz versichern Eltern, dass sie versucht haben, in bester Absicht zu handeln, dass Ihnen aber die relevanten Informationen vorenthalten wurden. Insofern sehen wir auch diese Eltern ohne Schuld. Trotzdem sind Eltern, die eine solche Erfahrung machen mussten, dann auch dazu aufgerufen, sich z.B. bei ARGUS durch ihre Mithilfe dafür einzusetzen, dass andere Eltern zukünftig besser aufgeklärt werden, damit sie einen Beitrag leisten, dass diesen Eltern eine solche deprimierende Erfahrung erspart bleibt.
Manche beschnittene Männer beklagen eine im Laufe ihres Lebens zunehmende Gefühllosigkeit des Penis. Dies kann schon nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten der Fall sein, manchmal aber auch erst im Alter von 50 oder 60 Jahren oder älter. Diese Gefühllosigkeit führt dazu, dass sie für einen Orgasmus nach eigener Einschätzung eine übermäßig starke, körperliche Stimulation benötigen. Ohne eine solche starke Stimulation können diese Männer dann gar keinen Orgasmus mehr erreichen. Auch gibt es Männer, die ihren eigenen Höhepunkt als flach, kurz, undifferenziert oder wenig facettenreich wahrnehmen.
Quelle: Hammond T et al., INT J HUM RIGHTS 2016, Frisch M et al., INT J EPID 2011Als weitere Folge einer verminderten Sensibilität beklagen manche Männer, dass ihr Penis nicht mehr empfindsam genug ist, um bei Oralverkehr besonders lustvolle Empfindung wahrnehmen zu können. Eine verringerte Sensibilität kann dann auch einen Bedarf für Sexualpraktiken erklären, die zu stärkeren Reizen am Penis führen. Dies kann z.B. der Wunsch nach Oralverkehr unter Einsatz der Zähne sein, oder Analverkehr, oder der Bedarf für manuelle Befriedigung mit erhöhtem Druck und erhöhter Geschwindigkeit.
Als weitere Schwierigkeit im sexuellen Bereich beklagen manche Männer eine störende Trockenheit der Eichel und die Notwendigkeit für Gleitmittel. Solche Gleitmittel werden dann auch für die Selbstbefriedigung notwendig, denn ein direktes Reiben von trockener Haut auf der Eichel ist in der Regel unangenehm. Falls kein kommerzielles Gleitmittel oder Gleitgel verfügbar ist, wird dann meistens der eigene Speichel (Spucke) verwendet.
Die Trockenheit der Schleimhautoberfläche durch das Fehlen der Vorhaut kann ebenfalls bei Partnerpersonen zu Beschwerden führen. So kann durch die fehlende Feuchtigkeit eine hohe Reibung auftreten, die zu Schmerzen beim Verkehr führt (medizinisch: Dyspareunie). Insofern hat Beschneidung dann auch negative Auswirkungen auf Partnerpersonen.
Quelle: Frisch M et al., INT J EPID 2011An der Grenze von psychischer und physischer Belastung durch Beschneidung liegen Missempfindungen wie Jucken, Kitzeln, Zwicken oder Kribbeln.
So beklagen manche beschnittene Männer, dass Sie einen ständigen, unterschwelligen Reiz von ihrem Penis wahrnehmen. Das ist nicht verwunderlich, denn durch die Beschneidung wurde ja die Vorhaut als Schutzhülle entfernt, sodass die dann bloßliegende Eichel ständigen Reizungen z.B. durch Reibung der Unterwäsche ausgesetzt ist. Darüber hinaus kann auch die ausgetrocknete Schleimhautoberfläche Missempfindungen produzieren.
Ein häufige Folge ist dann die Notwendigkeit, sich immer wieder in den Schritt zu fassen, um für den Penis eine Position zu suchen, in der er kein Signal sendet. In Ländern, in denen Beschneidung häufig ist, nimmt daher auch niemand Anstoß, wenn ein Mann sich in der Öffentlichkeit in den Schritt greift, während in Ländern, in denen Jungenbeschneidung selten ist, ein solches Verhalten als unpassend gilt.
Viele beschnittene Männer nehmen auch an, dass alle Männer ständige unterschwellige Reize an ihrem Penis verspüren. Doch dem ist nicht so, denn unveränderte Männer haben eine solche Irritation nicht.
Weiterhin berichten Männer, die mittels Restoring ihre Vorhaut wieder hergestellt haben, dass diese Form der Irritation danach aufgehört hat, was bei ihnen zu einer wesentlichen Verbesserung des Körpergefühls geführt hat.
Einige beschnittene Männer beklagen weniger das körperliche Resultat der Operation als vielmehr die Verletzung ihrer Selbstbestimmung. Auch hierbei ist es egal, ob der Eingriff erinnert werden kann oder ob er im vorsprachlichen Kindesalter (Säugling, Kleinkind) stattgefunden hat. So werden zum Beispiel von Männern folgende negative Gefühle im Bezug auf den Eingriff an ihnen genannt:
Viele Männer empfinden ihre eigene Beschneidung nicht als nachteilig, was erfreulich ist, denn dann sind die möglichen Nachteile bei diesen Männern nicht eingetreten. Für andere Männer sind die Nachteile aber leider real geworden. Deshalb erläutern wir sie hier, ohne damit behaupten zu wollen, dass dies für alle beschnittenen Männer zutreffen muss. Es sollte aber eben auch zur Kenntnis genommen werden, dass solche Nachteile existieren, und für negativ Betroffene zur traurigen Lebensrealität geworden sind.
Daneben gibt es auch beschnittene Männer, die zwar keine sexuellen oder psychischen Schwierigkeiten dadurch haben, sich aber trotzdem ein Leben lang fragen, wie sich ihre Sexualität wohl ohne die chirurgische Veränderung ihres Genitals angefühlt hätte.