Zwangsbeschneidung von Kindern ist eine Legitimierung von Gewaltausübung durch Stärkere an Schwächeren einer Gesellschaft. Indem einem Kind eine gewaltsame körperliche Veränderung zugefügt wird, erhält es gleichsam physisch und irreversibel die Botschaft, dass die Mächtigen das Recht haben, über den Körper der Schwächeren nach den eigenen Vorstellungen zu verfügen. Insbesondere die Jungenbeschneidung ist dabei eine eindeutige Manifestation von solcher patriarchaler Gewalt, die über die Generationen hinweg weitergegeben wird.
Feminismus strebt danach, das Patriarchat zu beenden. Doch dies wird erst dann gelingen können, wenn patriarchale Machtstrukturen für Menschen jeden Geschlechts aufgelöst werden. Solange es für einen Teil der Gesellschaft legitim bleibt, dass ein gewaltsamer Eingriff am Genital eines Jungen ausgeübt werden darf, werden sich auch patriarchale Strukturen weiter fortsetzen.
Eine unterschiedliche Behandlung von Mensch je nach ihrem Genital ist eine Diskriminierung anhand des Geschlechts und damit ein Sexismus. Feminismus lehnt Sexismen in jeglicher Form und Richtung ab. Daher ist es kaum mit den Grundsätzen des Feminismus vereinbar, wenn man Kinder anhand des Geschlechtes in "schutzbedürftig" und "nicht schutzbedürftig" unterscheiden würde. Gemessen an den eigenen Grundsätzen muss die Forderung des Feminismus nach Gleichstellung daher auch beim Schutz von Kindern vor Genitalbeschneidung gelten.
Eine solche Gleichstellung im Kinderschutz muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass Organisationen, die sich gegen Mädchenbeschneidung einsetzen, ihre Ressourcen gleichermaßen auch zum Schutze von Jungen verwenden müssen. Es sollte aber sehr wohl bedeuten, dass Organisationen, die sich auf feministische Grundsätze berufen, dann nicht Zwangseingriffe an Jungen bagatellisieren, negative Folgen in Abrede stellen und Forderungen nach Gleichstellung im Kinderschutz entwerten. Dies kommt aber leider vor, wie es sich an negativen Beispielen in Verlautbarungen von PLAN INTERNATIONAL oder dem LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) belegen lässt [1].
Als positives Beispiel sei hingegen auf TERRE DES FEMMES hingewiesen, die in ihrem "Positionspapier zum Thema 'Jungenbeschneidung'" gezeigt haben, wie eine feministische Organisation den gleichberechtigten Schutz von Jungen vor Beschneidung selbstverständlich mitdenken kann [2].
Quellen: [1] Hegazy G, Seidenberg E, Seidenberg M: "Double Standards in the Debate on Protecting all Children from Genital Cutting" Journal of Medical Ethics, 2026. [2] TERRE DES FEMMES: "Positionspapier zum Thema ‘Jungenbeschneidung‘", 2018.Feminismus tritt für die Gleichstellung aller Menschen unabhängig von deren Geschlecht ein. Er versteht sich nicht als "Anliegen von Frauen für Frauen", sondern als Bewegung, die auch Männer aus den Zwängen ihrer Rollenzuweisungen befreit. Da Feminismus damit eine Verbesserung für alle Geschlechter erreichen will, sind auch Männer aufgefordert, für diese Ziele mit einzutreten, was bei vielen Männern Resonanz gefunden hat.
Trotz solcher Solidarität findet man manchmal bei Personen, die sich selbst dem Feminismus zuordnen, beim Thema Jungenbeschneidung die Einstellung, dass "dann eben ausnahmsweise mal die Männer den Kürzeren gezogen haben". So wird dann angesichts der vielen Ungerechtigkeiten zu Ungunsten von Frauen die Jungenbeschneidung zu einer Art "ausgleichender Ungerechtigkeit" umgemünzt.
Diese Haltung erscheint aber kaum vereinbar mit den Werten des Feminismus. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass es hier ja um die Schädigung eines Kindes geht, und insofern sind Indifferenz oder gar Häme gänzlich fehl am Platze.
Unabhängig davon endet Feminismus aber nicht dort, wo man eine Verbesserung für die Lage von Frauen und Mädchen erreicht hat, und man an einer gleichartigen Verbesserung für Männer und Jungen dann kein Interesse mehr haben muss. Der Kampf für Gleichberechtigung wurde und wird auch von Männern mitgeführt, und viele Ziele konnten auch deshalb erreicht werden, weil Männer die Anliegen solidarisch und aktiv mit unterstützt haben. In dem Fall, wo nun die Forderung nach Schutz vor Gewaltanwendung auch Jungen mit einschließen soll, sollte die Solidarität des Feminismus dann auch zu deren Gunsten gelten.
Die Vorstellung, dass die Verletzung eines Jungen prinzipiell eine weniger schlimme Qualität von Gewalt darstellt als die Verletzung eines Mädchens, entstammt einer überkommenen Zuweisung von Geschlechterrollen. In diesen tradierten Rollen erscheinen Mädchen und Frauen als schutzbedürftige Opfer, während Jungen und Männer als stumpf und hart hingestellt werden. Aus solchen Rollenzuweisungen wird dann gefolgert, dass Jungen durch die Anwendung von Gewalt nicht geschädigt, sondern quasi "zum Mann gemacht" werden. Der Feminismus lehnt Rollenbilder ab, ebenso wie die angeblichen Legitimierungen, die aus ihnen abgeleitet werden sollen.
Die Frauenrechtsbewegung hat die körperliche Selbstbestimmung von Anfang an zu einem Kernthema erklärt und ihre Kräfte darauf fokussiert. Bei Anliegen wie Schwangerschaftsabbruch oder der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe hat sie deshalb große Erfolge erzielen können. Zwangsbeschneidung der Genitalien ist eine der schlimmsten Form der Verletzung der körperlichen Selbstbestimmung. Wenn das Recht auf körperliche Selbstbestimmung nicht vom Geschlecht abhängen soll, dann kann Jungen dieses Recht nicht vorenthalten werden.
Feminismus setzt sich weltweit für das Ende der Beschneidung von Mädchen ein. Doch dies wird nicht nachhaltig gelingen können, solange Beschneidungen von Jungen weiterhin akzeptabel ist.
Wer sich in Gesellschaften, in denen Mädchenbeschneidung ausgeübt wird, für eine Beendigung ausspricht, wird sich mit dem Argument konfrontiert sehen, dass Beschneidung an Jungen ja auch erlaubt ist, und man dann wohl kaum in der Position sei, die weniger massiven Formen bei Mädchen (z.B. WHO Typ 1a, Entfernung der Klitorisvorhaut, z.B. bei der islamische Sunna-Beschneidung) kritisieren zu können.
Ein Beispiel dafür ist auch die Stellungnahme der Amerikanischen Gesellschaft für Pädiatrie (AAP) im Jahr 2010 zum Umgang mit der Mädchenbeschneidung in den USA. In dieser Stellungnahme wurde überlegt, ob leichte Formen der Mädchenbeschneidung von der amerikanischen Ärzteschaft ausgeführt werden könnten, wie z.B. die Klitoris-Vorhaut rituell einzuschneiden. Als Argument dafür wurde angeführt, dass dies weit weniger massiv sei als das, was bei einer Beschneidung eines Jungen passiert, und letzteres ja auch legal und gesellschaftlich akzeptiert sei [1].
Dies zeigt, dass die Duldung der Jungenbeschneidung immer ein argumentatives Einfallstor bleiben wird, mit dem versucht wird, die Beschneidung von Mädchen in den weniger massiven Formen zu legitimieren. Wer die Beschneidung von Mädchen dauerhaft eliminieren will, wird nicht umhin kommen, dann den Schutz für alle Kinder gleichermaßen einzufordern.
Es wird manchmal ins Feld geführt, dass Mädchenbeschneidung prinzipiell immer schädigender sei als Jungenbeschneidung. Das ist unzutreffend. Denn nach anerkannter Lehrmeinung der Medizin gibt es sehr wohl weit verbreitete Formen der Mädchenbeschneidung (z.B. WHO Typ 1a), die nicht massiver sind als das, was bei einer Jungenbeschneidung geschieht.
Unabhängig davon würde sich aber aus dieser Fehlannahme die Frage ableiten, ob wir dann die Gewalt an Kindern anhand des Ausmaßes des möglichen Schadens quantifizieren wollen, um dem einen Kind Schutz zu gewähren, und dem anderen Kind den Schutz zu versagen. Eine solche Form der Selektion anhand der möglichen Schadenstiefe wäre wohl kaum vereinbar mit den Idealen, für die der Feminismus eintritt.
Lesen Sie mehr zu dieser Frage unter dem Punkt: Beschneidung von Jungen und Mädchen vergleichen?"